Global- und Kolonialpolitik

    1862 bis 1890

    „Herzliches Einverständnis“ mit den USA

    Bismarcks Außenpolitik war stets auf die fünf europäischen Großmächte fokussiert. Doch die Welt des 19. Jahrhunderts war einer tiefschürfenden „Verwandlung“ unterworfen (Jürgen Osterhammel). Die Internationalisierung des Handels, der Ausbau der Kommunikationsmittel und globale Migrationsströme führten zu einer ökonomischen Vernetzung und ließen die Welt gesellschaftlich wie kulturell zusammenrücken.

    Bismarck nahm diese globalen Veränderungsprozesse durchaus zur Kenntnis. Schon als Student hatte er vom Historiker Arnold Heeren die Begriffe Weltstaatensystem und Weltgleichgewicht kennengelernt. Heeren war es auch, der ihm die internationale Bedeutung der USA nahebrachte. Als Ministerpräsident und Reichskanzler beobachtete Bismarck die Außenpolitik von Preußens ältestem Bundesgenossen mit wohlwollender Neutralität – Preußen und die USA hatten bereits 1785 einen Freundschafts- und Handelsvertrag abgeschlossen. Ganz im Sinne der „Monroe-Doktrin“ von 1823 erkannte er auch den vorwiegenden Einfluss der USA auf dem Doppelkontinent an. Nicht einmal die kolonialpolitische Rivalität um Samoa Mitte der 1880er-Jahre änderte etwas an seinem Wunsch nach einem „herzliche[n] Einverständnis“ mit den USA.

    Auswrtiges Amt 1881 Otto von Bismarck StiftungDas Auswärtige Amt, Fotografie, 1881 (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)
     Desinteresse gegenüber Lateinamerika

    Ganz anders verhielt sich Bismarck gegenüber Lateinamerika, wo im frühen 19. Jahrhundert zahlreiche Staaten aus den Trümmern der alten europäischen Kolonialreiche entstanden waren. Bis zum Ende der 1870er-Jahre spielten die neuen Republiken und Monarchien in der deutschen Außenpolitik kaum eine Rolle. Aufmerksamkeit erzeugte erst der 1879 ausbrechende Salpeterkrieg zwischen Chile und Peru bzw. Bolivien. Eine deutsche Friedensvermittlung kam für Bismarck nicht in Frage, weil der Kriegsschauplatz im „Welttheil“ der USA lag; er befürwortete aber eine multilaterale Mediation.

     

    Freundschaftsverträge mit China und Japan

    Weitaus größeres Gewicht als Lateinamerika besaß für Bismarck der Ferne Osten. Bei der Übernahme seiner Amtsgeschäfte 1862 wirkten die asiatischen Reiche in Berlin noch wie „fremdartige ethnographische Begriffe“ (Joseph Maria von Radowitz). Aufgrund der 1861 unterzeichneten Handels-, Freundschafts- und Schifffahrtsverträge gewannen insbesondere China und Japan jedoch an Bedeutung. Die Beziehungen blieben allerdings vorerst auf die konsularische Ebene beschränkt. Die von der preußischen Marine und Teilen der Diplomatie geforderte Kolonialpräsenz war mit Bismarck nicht zu haben. Zwar billigte er Ende der 1860er-Jahre den Aufbau einer „Ostasiatischen Station“, sperrte sich jedoch gegen territoriale Annexionen. Er hege nicht die Absicht, „Besitzungen in Indien, Hinterasien oder überhaupt in überseeischen Ländern“ zu erwerben, ließ er in der Presse verlautbaren.

    Im Mittelpunkt seiner Asienpolitik stand zunächst China, wobei sich Bismarck in allen Konflikten des Reichs der Mitte mit Staaten der Alten Welt demonstrativ hinter die europäischen Mächte stellte. In der zweiten Hälfte der 1870er-Jahre verlagerte er den Schwerpunkt seiner Asienpolitik von China nach Japan. Damit reagierte er sowohl auf den Bedeutungsverlust der Qing-Dynastie als auch auf den Aufstieg des Meiji-Reiches von einem rückständigen Feudalstaat zur Vormacht in Ostasien. In den 1880er-Jahren entwickelte sich gar eine deutsch-japanische „Wahlverwandtschaft“ (Bernd Martin) im Militär-, Bildungs-, Gesundheits- und Verfassungswesen. Eine Revision des Ungleichen Handelsvertrags von 1861 kam für Bismarck indes, wie im Falle Chinas, nur dann in Frage, wenn sie im Einvernehmen mit den europäischen Mächten und den USA vollzogen würde.

     Chinesische Elfenbeinfigur Otto von Bismarck StiftungDie chinesische Kaiserin Cixi schenkte Otto von Bismarck zum 70. Geburtstag im Jahr 1885 diesen mit Schnitzereien reich verzierten Elefantenzahn, der auf einer Halterung aus Ebenholz ruht. (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

    „Zuschauerrolle“ in Zentralasien

    Dass die Fernost-Politik für den Reichskanzler stets eine abgeleitete Funktion seiner „West“-Politik war, zeigt sich insbesondere auf dem zentralasiatischen Terrain. Die in den 1840er-Jahren begonnene Eroberung der mittelasiatischen Khanate durch Russland hielt Bismarck für legitim. Im britisch-russischen „Great Game“, dem „Großen Spiel“ um Persien und Afghanistan, erkannte er für Deutschland neben etlichen Gefahren auch machtpolitische Chancen. Als der Konflikt der beiden Weltmächte 1885 am Hindukusch seinen Höhepunkt erreichte, verweigerte der Reichskanzler Großbritannien den erbetenen deutschen Schiedsspruch. Als Russland „seine Expansivkraft“ 1887 gegen Persien und Indien richtete, verordnete Bismarck Deutschland eine „Zuschauerrolle“, um den soeben unterzeichneten Rückversicherungsvertrag nicht zu belasten.

     

    „Kampf um Afrika“

    Eine „Zuschauerrolle“ nahm das Deutsche Reich zunächst auch ein, als die europäischen Großmächte Anfang der 1880er-Jahre damit begannen, ihre Vormachtstellung in Übersee in formelle Eroberungen und Annexionen umzuwandeln. „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik“, beteuerte Bismarck 1881. Der Ausbruch eines „Kolonial-Fiebers“ (Kronprinz Friedrich Wilhelm) im Zuge der Gründung des Deutschen Kolonialvereins ein Jahr später veranlassten ihn umzuschwenken. Als Großbritannien nach der Bildung einer Handelsniederlassung durch den Bremer Großkaufmann Adolf Lüderitz in Südwestafrika die dortige Küste für sich beanspruchte, ließ der Reichskanzler das Handelsunternehmen 1884 unter staatliche Obhut stellen. Um seiner von politischen, ökonomischen, wahltaktischen und ideologischen Faktoren motivierten Politik Nachdruck zu verleihen, suchte er Rückendeckung bei Frankreich. Die Welt stehe im Begriff, das europäische Gleichgewicht durch eine globale Ordnung zu ersetzen, die ein „Gleichgewicht der Meere“ voraussetze, ließ er Ministerpräsident Jules Ferry ausrichten. England müsse an die Idee gewöhnt werden, dass eine „deutsch-französische Allianz“ nichts Unmögliches sei.

     Kieperts HandkarteKiepert’s Handkarte der Deutschen Kolonien, I. Schutzgebiete in Afrika (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

    Berliner Afrika-Konferenz

    Um die strittigen mittel- und westafrikanischen Kolonialfragen zu bereinigen, luden das Kaiserreich und die Dritte Französische Republik im Herbst 1884 zu einer internationalen Konferenz nach Berlin ein. Mit ihrem engen Schulterschluss trugen sie maßgeblich dazu bei, dass der englische Anspruch auf ein koloniales Monopol in Zentralafrika zunichte gemacht wurde. Der Abschluss der Beratungen Ende Februar 1885 stellte für Bismarcks Kolonialpolitik einen Höhe- wie Wendepunkt dar. Denn der Sturz Ferrys wenige Tage später und die nun aufbrausende Revanchestimmung in Paris setzten seinen Plänen ein abruptes Ende. „Nur kein Colonial-Chauvinismus!“, lautete fortan sein Motto. Als der Afrikareisende Eugen Wolf ihm 1888 weitere Überseeerwerbungen schmackhaft zu machen versuchte, lehnte der Reichskanzler dankend ab. „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Rußland, und hier [...] liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte; das ist meine Karte von Afrika.“

     Afrika Konferenz1884 Otto von Bismarck StiftungAn der Afrika-Konferenz nahmen Vertreter der europäischen Mächte, der USA und des Osmanischen Reiches statt.
    Zeitgenössische Zeichnung von Adalbert von Roessler (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

    Die Hypothek der Kolonialpolitik Bismarcks

    Trotz seiner Kehrtwende hinterließ Bismarcks Kolonialpolitik eine doppelte Hypothek. Einerseits schufen die Landnahmen in Afrika und Asien – dazu zählten das heutige Namibia (Deutsch-Süd-Westafrika), Tansania (Deutsch-Ostafrika), Togo, Kamerun, das Bismarck-Archipel, die Salomon- und Marshall-Inseln sowie ein Teil Neuguineas (Kaiser-Wilhelm-Land) – Reibungsflächen zu anderen Großmächten. Andererseits verursachte der von Gewalt und Unterdrückung begleitete Aufbau kolonialer Regime in den indigenen Völkern Wunden, die noch heute sichtbare Narben zeigen.

     


    Video: Kolonialpolitik an der Spree

    Ein Kassenbuch des Hamburger Kolonialunternehmens Jantzen & Thormählen und ein Tischgong lenken in unserer Dauerausstellung im Historischen Bahnhof Friedrichsruh den Blick auf die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik unter Otto von Bismarck. Wir zeigen sie in diesem Video zusammen mit einigen historischen Fotografien aus unserem Archiv, die das Kolonialunternehmen an der westafrikanischen Küste aufnehmen ließ.

    Kolonialpolitik an der Spree