Brief an Kaiser Wilhelm I., Friedrichsruh, 22. Oktober 1883

     

    Im Begriff mein hier beiliegendes ehrfurchtsvolles Schreiben vom 20. d. Mts. abzusenden, erhielt ich gestern Abend Euerer Majestät huldreiches Handschreiben vom 19. d. Mts. und beehre mich ersterem in Folge dessen Nachstehendes hinzuzufügen.

    Die beiden gleichfalls anliegenden Berichte des Prinzen Reuß vom 16. d. Mts. betreffen dieselben Fragen, welche das hierbei ehrfurchtsvoll wieder vorgelegte Schreiben Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Wilhelm berührt, und daß Prinz Reuß der auffälligen Reise der Königin von Griechenland nach Gmunden nicht erwähnt. Aus der von Graf Rantzau gezeichneten Anlage vom gestrigen Tage wollen Euere Majestät huldreich entnehmen, welche Weisungen ich auf die Berichte des Prinzen Reuß vom 16. d. Mts. behufs Instruction der Vertreter Euerer Majestät in Wien und Athen an den Unterstaatssecretär Busch gerichtet habe. Euere Majestät bitte ich allerunterthänigst, die drei Schriftstücke d.d. Wien vom 16. d. Mts. und Friedrichsruh vom 21. d. Mts. nach genommener Kenntniß dem Auswärtigen Amte huldreichst zugehen lassen zu wollen, damit dieselben, unter der Voraussetzung der Allerhöchsten Genehmigung, in den amtlichen Geschäftsgang gelangen.

    Was zunächst das auffällige Verhalten Ihrer Majestät der Königin Olga anbelangt, so möchte ich demselben eine tiefere politische Bedeutung nicht beilegen. In der hohen Frau ist wohl die Russische Großfürstin noch lebendiger als die Königin von Griechenland und gehört sie wohl unbedingt zu den hohen Frauen, die durch Heirath den Thron eines fremden Landes besteigen, ohne die Eigenthümlichkeiten und Bestrebungen der angeborenen Nationalität abzulegen. Demnächst ist Ihre Majestät von väterlicher wie von mütterlicher Seite her die Erbin aller Ranküne gegen uns, wie sie dem Großherzog Constantin persönlich und der Königin Marie von Hannover und deren Schwestern in Folge der geschichtlichen Ereignisse beiwohnt. Wenn in Kopenhagen Besprechungen mit einer feindlichen Spitze gegen uns stattgefunden haben, so wird das wohl unter den dort versammelten und verwandten Fürstinnen mehr der Fall gewesen sein, als unter den anwesenden Monarchen und Ministern.

    Die von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Wilhelm gewiß richtig beobachtete Gêne (Unbehagen) in dem Verhalten des Königs von Griechenland möchte ich mehr in der Verstimmung dieses hohen Herrn über die kühle Ablehnung der Griechischen Eroberungspläne von Seiten Oesterreichs suchen, als in der Erinnerung an Dänisch-Russische Conspirationen gegen uns. Soweit Kopenhagener Erinnerungen dabei mitgewirkt haben, mögen diese sich an Besprechungen des Königs von Griechenland mit Seinen hohen Geschwistern mehr als an solche mit dem Kaiser Alexander knüpfen. Ich denke dabei nicht an die Kaiserin Marie, wohl aber an die Prinzessin von Wales, welcher wenig Wohlwollen für uns und geringe politische Einsicht zugeschrieben wird, und dann an den Prinzen Waldemar, in seiner Eigenschaft als Prätendenten und Russischen Candidaten für Bulgarien. Der König Georg selbst hat dem Prinzen Reuß gegenüber zugestanden, daß Gladstone über Bulgarien mit Ihm gesprochen, also verhandelt habe, und das Gefühl, in diese für Oesterreich kitzliche Frage verwickelt zu sein, mag neben den eigenen ehrgeizigen Plänen auf Kosten der Türkei Sein Gewissen dem Wiener Hofe gegenüber beunruhigt haben. Keinesfalls halte ich den König von Griechenland für eingeweiht in Russische Zukunftspläne, und theile mit Euerer Majestät die Ueberzeugung, daß Rußland, wenn überhaupt, doch nicht schon im nächsten Frühjahre die Störung des Friedens im Orient versuchen werde. Ebensowenig möchte ich annehmen, daß der König von Dänemark Verpflichtungen zur Betheiligung an etwaigen Kämpfen der Großmächte unter einander eingegangen sei. König Christian ist keine chauvinistische Natur und hat wohl hinreichendes Verständniß für die Gefahr, welcher der Rest der Dänischen Monarchie sowohl von Seiten des Dänischen Volkes wie von Außen her ausgesetzt sein würde, wenn der König das Land in den Strudel hineinsteuerte, der die Kämpfe großer Mächte nothwendig begleitet. Dessen ungeachtet beklage ich lebhaft mit Euerer Majestät die Wehrlosigkeit von Kiel nach der Landseite und möchte annehmen, daß wir kaum dringlichere Bauten im Interesse unserer militärischen Sicherheit auszuführen haben, als den für Kriegsschiffe fahrbaren Nord-Ostsee-Canal zwischen Kiel und der Elbmündung und die Landbefestigung von Kiel. Ich würde mich freuen, wenn Euere Majestät die Gnade hätten, in dieser Beziehung schon für die nächste Reichstagssession Vorlagen zu befehlen und mir die Unterstützung der Kriegsverwaltung und der Admiralität in dieser Richtung zu sichern. Unsere Marine ist jetzt schon der Dänischen überlegen und der Russischen an sich gewachsen; besäßen wir den Nord-Ostsee-Canal, so würde sie auch gegenüber der Russisch-französischen Seemacht auf beiden Meeren die Küstenvertheidigung mit Aussicht auf Erfolg übernehmen können. Getheilt und ohne schiffbare Verbindung quer durch Holstein dürfte sie aber dieser Aufgabe nicht gewachsen sein.

    Die Hauptgefahr für unsern Frieden liegt, wie Euere Majestät so richtig bemerken, nicht in unseren directen Beziehungen zu Rußland oder Dänemark, sondern in der Schwierigkeit, angesichts der Lage des Orients den Frieden zwischen Rußland und Oesterreich zu erhalten. Rußland zögert offenbar, die seit dem 18. Juni 1881 vermöge des geheimen Abkommens bestehende Friedensgarantie zu verlängern; wohl weniger in der Absicht, schon jetzt Krieg zu führen, als in der Hoffnung, die Erneuerung des Vertrages an Abmachungen mit Oesterreich im Sinne der Reichsstadter [!] Besprechungen von 1877 zu knüpfen. Auf diese Richtung einzugehen, habe ich bisher bei Oesterreich nur geringe Neigung gefunden. Ich bin Euerer Majestät Allerhöchster Zustimmung sicher, wenn ich unausgesetzt bemüht bleibe, den Frieden zwischen Rußland und Oesterreich dadurch zu erhalten und zu befestigen, daß wir uns die Vermittlung der Schwierigkeiten und Differenzen, in welche die orientalischen Interessen unsere beiden Nachbarreiche bringen, fortdauernd angelegen sein lassen. Ich verzweifele in dieser Richtung durchaus nicht am Erfolg, da man auch in Wien den Russischen Krieg als eine unerwünschte und nach Möglichkeit zu vermeidende Eventualität ansieht. Wir können Oesterreich, wenn es von Rußland angegriffen wird, auch abgesehen von den Verträgen, nicht im Stich lassen, weil wir damit Gefahr laufen würden, Oesterreich in die Arme Rußlands zu treiben, wodurch für uns bei der dauernden Feindschaft Frankreichs und bei der planlosen und ungeschickten Politik Englands die Gefahr der Isolirung, einer übermächtigen Coalition gegenüber, entstehen würde. Die Hauptaufgabe unserer auswärtigen Politik wird daher für die nächste Zeit immer bleiben, die nach allen Richtungen hin unerwünschte Eventualität eines Russischen Krieges dadurch zu vermeiden, daß wir Alles thun, was wir können, um zwischen Oesterreich und Rußland Frieden und gutes Einvernehmen zu erhalten. Unsere Aufgabe würde eine leichtere sein, wenn in England nicht die Race der großen Staatsmänner früherer Zeiten, welche Sinn und Verständniß für europäische Politik hatten, scheinbar vollständig ausgestorben wäre. Mit einem so unfähigen Politiker, wie Gladstone, der Nichts als ein großer Redner ist, läßt sich keine Politik treiben, bei welcher England mit Sicherheit in Rechnung gezogen werden könnte. Auch die zweifellosesten auswärtigen Interessen dieses mächtigen Landes werden den Parteizwecken im Innern – entweder gewissenlos oder in gedankenloser Unwissenheit – geopfert. Es liefert dies parlamentarische Musterreich ein ebenso abschreckendes Beispiel wie Frankreich von der Auflösung, der die größten und mächtigsten Reiche entgegengehen, wenn als herrschendes Prinzip in ihnen nur das Rednertalent übrig bleibt, welches die urtheilslosen Massen mit sich fortzureißen versteht. Nach meiner ehrfurchtsvollen Ueberzeugung ist die Erhaltung des monarchischen Prinzips in England schon jetzt nicht sicherer als die Wiederherstellung in Frankreich sein mag. Der gesammte Mittelstand ist schon heute republikanisirt und wenn Gladstone noch einige Jahre am Ruder bleibt, so kann Ihre Majestät die Königin Victoria noch selbst die Anträge auf gesetzliche Abschaffung der Monarchie in England ebensogut erleben, wie diejenigen auf Abschaffung des Oberhauses schon heut zu Tage Niemanden mehr befremdlich erscheinen. Möge Gott unser Vaterland auch ferner vor ähnlichen Ministern wie Gladstone behüten.

    Meine Frau dankt Euerer Majestät in Ehrfurcht für Allerhöchstdero huldreiche Grüße in den Schreiben vom 19. d. Mts. und vom 4. d. Mts., und ich schließe daran den Ausdruck meines allerunterthänigsten Dankes für Euerer Majestät gnädige Theilnahme an meinem Befinden, welches sich, von kleinen Rückfällen abgesehen, körperlich günstiger zu gestalten fortfährt, wenn ich auch von geschäftlichen Anstrengungen und namentlich vom persönlichen Verkehr mit den Herren Kollegen und Diplomaten noch jeder Zeit Rückschläge auf meine Fähigkeit zu schlafen gewärtigen muß. Durch täglichen fast ununterbrochenen Aufenthalt im Freien hoffe ich auch diese Nervenschwäche soweit zu überwinden, daß ich mich wieder für dienstfähig ausgeben darf. Nur für den nächsten Monat bitte ich einstweilen noch um Euerer Majestät Nachsicht, da ich in Berlin außer Stande sein würde, das Regime der Luftkur sowie hier vier bis sechs Stunden täglich durchzuführen.

    Gestatten Euere Majestät den ehrfurchtsvollen Ausdruck meiner herzlichen Freude, Euere Majestät nach allen Anstrengungen dieses Sommers mit diesen Zeilen wieder wohlbehalten in Berlin begrüßen zu können.

    Daß ich darauf habe verzichten müssen, bei dem so gelungenen Rüdesheimer Fest anwesend zu sein und bei diesem Anlaß in Euerer Majestät Gegenwart die Erinnerungen an die große Zeit des glorreichen Krieges wieder durchzuleben, bleibt für mich ein Nachtheil, der sich nicht wieder gut machen läßt, und für den ich in dem erneuten Ausdruck der huldvollen Gesinnung meine Entschädigung finde, mit dem Euere Majestät mich in dem gnädigen Schreiben vom 4. d. Mts. beehrt haben.