Brief an Kaiser Wilhelm I., Berlin, 27. Mai 1885

     

    Euere Kaiserliche und Königliche Majestät dürften in jüngster Zeit wiederholt in unseren Blättern Artikel der „Times“ erwähnt gefunden haben, in welchen mit einem gewissen Ungestüm an Deutschland die Zumuthung gerichtet wurde, in dem afghanischen Conflikte als Friedensstifter aufzutreten. Dabei ist von der „Times“ und von französischen Blättern die Behauptung ausgesprochen worden, Deutschland wünsche, daß es zu einem Kriege zwischen England und Rußland komme und die Aussichten auf Frieden hätten bei uns verstimmt.

    Diese Behauptung, zu welcher weder die Haltung der Regierung Euerer Majestät noch die deutsche Presse Anlaß gegeben hat, ist bei der „Times“ dem Bestreben des Blattes zuzuschreiben, Mißtrauen gegen Deutschland zu wecken, und eine Verbindung Englands mit Rußland und Frankreich in antideutschem Sinne anzubahnen. Dieselbe Politik wird von französischen, namentlich von den orleanistischen Blättern betrieben. Allerdings hat Deutschland kein Interesse, Rußland zu hindern, wenn es die Beschäftigung, deren es für seine Armee bedarf, lieber in Asien als in Europa sucht. Wenn die seit dem Frieden von 1856 unbeschäftigten und in schlechten Friedensgarnisonen sich langweilenden und dem Nihilismus verfallenden russischen Heere 1877 nicht zu dem Kriege gegen die Türkei verwendet worden wären, würden sie gegen Oesterreich Beschäftigung gesucht und gefunden haben. Wenn die russische Armee unbeschäftigt ist, so ist sie eine Gefahr für die innere Sicherheit des Reiches und der Dynastie. Fehlt die Beschäftigung in Asien, so wird sie nothwendig an der Westgrenze gesucht. Als in den jüngsten Tagen die Aussichten in Asien friedlich wurden, fand sofort eine Verstärkung der Artillerie und ein energischerer Betrieb der Befestigungen an der Westgrenze statt. Noch bedeutsamer aber ist folgende Erscheinung: Sobald Mr. Gladstone – voreilig, wie Euere Majestät aus den letzten Berichten des Botschafters von Schweinitz ersehen haben – dem Parlamente am 12. d. M. die Mittheilung gemacht hatte, daß Lord Granville und der indische Minister [der Leiter des India Office, John Wodehouse, First Earl of Kimberley] sich mit dem Botschafter von Staal über eine Grenze verständigt hätten, mit der auch Lord Dufferin zufrieden sei und deren Genehmigung Seitens der russischen Regierung angeblich von einem Tage zum andern erwartet werde, wurden in der Presse verschiedener Länder Stimmen laut, welche den Wunsch und die Erwartung aussprachen, daß die Beilegung des afghanischen Conflictes zu einer Entente und zu einem Bündniß zwischen Rußland und England führen werde. Ich verhehle nicht folgende Proben solcher Artikel beizulegen:

    1. Eine Korrespondenz des Londoner „Daily Telegraph“ aus Wien vom 16. dss. [!] Mts.,
    2. eine Korrespondenz des von dem Polen Jezierski redigirten Pariser „Télégraphe“ aus Petersburg vom 18. d. Mts.,
    3. einen Leitartikel der russischen „Petersburger Zeitung“ vom 23. d. Mts.,
    4. Auszug aus einem Artikel der „Moskauer Zeitung“ vom 22. d. Mts.
    Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß der stets gehässige Pariser Korrespondent der „Times“ [Henri Opper de Blowitz] das Thema behandelt, England werde vielleicht mit einiger Ueberraschung zu der Einsicht kommen, daß die russische diejenige Nation sei, mit der es am leichtesten zusammenwirken könne.

    Diese Stimmen verdienen mehr Beachtung als gewöhnliche Zeitungsartikel, weil der darin ausgesprochene Gedanke eines englisch-russischen Bündnisses von der panslawistischen Partei, welche die eigentliche Trägerin der Idee des Krieges gegen Oesterreich und eventuell gegen Deutschland ist, gehegt wird und dem Programm Gladstone‘s von Hause aus angehört. Käme diese englisch-russische Allianz zu Stande mit ihrer angeblich christlichen und antitürkischen, in der That panslawistischen und radikalen Richtung, so wäre derselben die Möglichkeit gegeben, sich jederzeit nach Bedürfniß durch Frankreich zu verstärken, wenn die russisch-englische Politik bei Deutschland Widerstand fände; es wäre die Basis für eine Coalition gegen uns gegeben, wie sie gefährlicher Deutschland nicht gegenübertreten kann.

    Es liegt daher für die deutsche Politik die Versuchung sehr nahe, zwischen Rußland und England lieber feindselige als zu intime Verhältnisse herbeizuführen. Wir haben derselben aber gewissenhaft widerstanden und nichts gethan, um Kriegsaussichten zu fördern; aber wenn wir diese Enthaltsamkeit aus allgemeinen christlichen Erwägungen üben, so sind wir doch der deutschen Nation schuldig, Alles zu vermeiden, was dahin führen könnte, daß wir England die russische Feindschaft abnehmen, indem wir sie uns selbst aufladen. Um dies herbeizuführen, dazu würde schon der leiseste directe oder indirecte Druck auf Rußland genügen, schon eine freundschaftliche Empfehlung Frieden zu halten. Es ist zweifellos, daß Rußland sich auf einen Krieg mit England nicht einlassen wird, wenn es befürchten muß, während desselben von Deutschland oder Oesterreich bedroht zu werden. Die leiseste Andeutung dieser Möglichkeit würde hinreichen, um Rußland friedfertig gegen England zu stimmen, aber auch hinreichen, um das mühsam beseitigte Mißtrauen gegen uns wieder zu wecken und zu beleben und die russische Politik dazu zu bestimmen, ihre Spitze wieder ausschließlich gegen Westen zu richten. Aus diesem Grunde haben wir uns sorgfältig enthalten, auch nur die geringste Aeußerung nach Petersburg gelangen zu lassen, welche als eine Pression oder auch nur als ein Wink hätte gedeutet werden können, daß Euere Majestät wünschten, Rußland möge Frieden halten. Denn es ist unmöglich, zwischen zwei großen Mächten einen solchen Wunsch direct oder indirect anzudeuten, ohne daß er einen Anflug einer Drohung für den Fall der Nichterfüllung an sich trüge; selbst die freundschaftlichste Form würde ihn davon nicht freihalten können. Wenn daher von Euerer Majestät Regierung eine unbedingte Enthaltsamkeit in Bezug auf alle Rathschläge zur Wahrung des Friedens beobachtet worden ist, so liegt darin nur die sorgfältige Pflege des eigenen Friedens und der eigenen nachbarlichen Beziehungen zu Rußland, auf welche die deutsche Nation rechnen darf, keineswegs ein Wohlgefallen an Zwistigkeiten und Kriegen, welche zwischen zwei uns befreundeten Staaten entstehen können, oder irgend eine ehrgeizige Berechnung, welche durch dergleichen Zwistigkeiten ihre Erfüllung finden könnte, sondern einfach die pflichtmäßige Schonung der glücklich wiederhergestellten freundlichen Beziehungen des Deutschen Reiches zu seinem östlichen Nachbar.